Jan Kollenbach, alias Ms. Foxy Bless, ist vieles zugleich: Ausgebildeter Tänzer, Performer, künstlerische Leiter – und eine der prägendsten Drag-Persönlichkeiten der Essener Szene. Nach seinem Studium an der Folkwang Universität der Künste bewegte sich Jan bewusst zwischen freier Szene, Projekträumen und Bühnenformaten, immer auf der Suche nach künstlerischer Freiheit und neuen Ausdrucksformen.
Mit seiner Drag-Figur Ms. Foxy Bless verbindet er Tanz, Theater, Mode und Provokation zu einer Kunstform, die gleichermaßen unterhält und gesellschaftliche Fragen stellt. Drag ist für ihn nicht nur Performance, sondern auch politisches Statement und persönlicher Ausdruck – eine Bühne, auf der sich Identität, Selbstermächtigung und Humor begegnen.
Als künstlerische Leitung der Divine Bar prägt er zudem einen zentralen Ort der queeren Kultur in Essen und schafft Räume für Austausch, Nachwuchsförderung und künstlerische Experimente.
KURTI: Deine Kunst bewegt sich zwischen Bühne, Club und öffentlichem Raum – wenn du zwischen diesen Orten auswählen müsstest: Wo entfaltet sich deine Kunst am kraftvollsten und warum?
Jan: Als Tänzer habe ich als Erstes die Bühne kennengelernt als Ort, wo darstellende Kunst stattfindet. Und das auch sehr abgegrenzt mit einem Portal, drei Wänden, Seitenbühnen und Backstage. Der öffentliche Raum kam dann als crazy „neues“ Format und oftmals experimentelle und leicht prekäre Narrative dazu – obwohl öffentliche Orte und Happenings im gemeinen Raum alles andere als neu sind, oder prekär! Den Club als mehr als einen Ort für Party, Disko und Alkohol zu sehen, kam für mich erst mit dem Drag so richtig dazu. Obwohl es dort oftmals auch eine Tanzfläche, Bühne, einen Ort der Selbstdarstellung gibt.
Und eine so genaue Grenze zwischen den Räumen aufzuzeigen, fällt mir seither auch immer schwerer: Ist nicht der Club auch quasi ein öffentlicher Raum, sowie das Theater auch? Kann das klassische Theater nicht auch ein Club sein oder ein öffentlicher Raum eine Bühne? Sind die Unterschiede nur in der finanziellen Zugänglichkeit zu finden oder in der Kunstform, die geboten wird?
Gerade in der DIVINE Bar, wo Baratmosphäre auf Club-vibes trifft und Künstler*innen, die sonst viel auf Theaterbühnen stehen, hautnah vorm Publikum auftreten, kann man das Verschwimmen ganz schön beobachten und in diesem Verschwimmen und Oszillieren liegt für mich sehr viel Kraft, weil es so viel Offenheit, Raum und Möglichkeiten gibt, wo wir in anderen Orten bereits viel mehr durch unsere Seherfahrung und Normen geprägt sind.
KURTI: Du förderst gezielt Newcomer*innen in der Drag-Szene – was braucht es aus deiner Sicht, damit junge Künstler*innen heute sichtbar werden und sich entfalten können?
Jan: Es ist total sinnig, dass bspw. ein Tanzstudium mehrere Jahre dauert. Es ist ein Handwerk, das geübt und wieder und wieder wiederholt werden muss. Und auch eine Auftrittssituation, gerade für die Newcomer*innen, muss geübt werden. Die Kunst entsteht nicht allein im Kopf, sondern lebt von der Begegnung und auch einem direkten Feedback. Die Möglichkeit, den jungen Künstler*innen hier „Exposure“, also die Aussetzung vor und Auseinandersetzung mit dem Publikum, bieten zu können, ist wundervoll und leider recht selten. Oftmals sind Bühnenpositionen stark fremd-kuratiert und sehr begrenzt. Auch ich muss immer wieder unter viel zu vielen Bewerbenden auswählen, umso schöner, dass ich nun die Möglichkeit habe, Newcommer*innen-Abende in höherer Schlagzahl zu veranstalten und damit auch dem Publikum eine größere Bandbreite an Variation bieten zu können.
Und natürlich: Wir brauchen Nachwuchs! Punkt! Und ich will, dass der gut wird. Also fangen wir direkt damit an.
KURTI: Die Divine Bar gilt als Herzstück der queeren Szene in der City Nord, als deren künstlerische Leitung gestaltest du die Szene mit – wie nutzt du das Nachtleben, um Kunst, Identität und gesellschaftliche Themen zusammenzubringen?
Jan: Der Gedanke von unklaren und ineinanderlaufenden Grenzen von Bar und Bühne, Kunst und Gesellschaft ist sehr tragend für die Divine. Ich finde es wunderbar, wenn Menschen in den Laden kommen und überrascht werden von der Kunst. Sie sind ja nicht per se gezwungen sich alles anzuschauen, geschweige denn gut zu finden, aber allein die Möglichkeit dessen finde ich so wertvoll. Kunst – gerade im von mir sehr ungeliebten Begriff der „Hochkultur“ – hat einen recht steifen Ruf, spießig sogar: Längerfristige Planung, teure Tickets, Theateretikette, Operngesang, …
Und in einem anderen Rahmen, der Bar, wird eine große Hemmschwelle für viele schonmal genommen. Es schafft eine andere Zugänglichkeit, eine andere Möglichkeit, überhaupt in Berührung mit Kunst und Nachtleben zu kommen.
Um die gesellschaftlichen Themen muss man sich als zuschauende Person ja zum Glück erstmal keine Gedanken machen. Die bringen die Künstler*innen mit und das Publikum trägt diese dann hoffentlich weiter.